
David Lang, geboren am 23.09.1996 in Berlin, studierte Geschichte und Publizistik (B.A.) an der Freien Universität Berlin. Anschließend absolvierte er den Studiengang Geschichte (M.A.) mit den Schwerpunkten Neuere und Neueste Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. In den Jahren 2021 bis 2023 war er dort zudem als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Zeitgeschichte tätig. Seit Oktober 2024 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Neueste Geschichte des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit einhergehende Vereinnahmung russischer Bevölkerungsgruppen im vom Kreml als „nahes Ausland“ bezeichneten Gebieten der ehemaligen UdSSR hat gezeigt, dass auch im 21. Jahrhundert die Problematik von Identität und Loyalität ethnischer Minderheiten ein relevantes Thema bleibt. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die multiethnischen Räume an der Peripherie der europäischen Großmächte Zonen der Begegnung und Interaktion verschiedener ethnischer Gruppen. Auch 1914 existierte mit den Deutschbalten eine nationale Minderheit, die mit Kriegsausbruch zwischen die Fronten geriet und ihre Identität und Loyalität in einer sehr dynamischen Krisensituation neu justieren musste.
Intention des Forschungsvorhabens ist es herauszufinden, wie deutschbaltische Akteure mit unterschiedlichen sozialen, politischen und kulturellen Hintergründen auf die Verwerfungen, die der Erste Weltkrieg für die baltischen Provinzen des russischen Zarenreichs brachte, reagierten und welche Strategien zur Krisenbewältigung sie entwickelten. Der Fluchtpunkt der Analyse soll dafür die Frage sein, welche Faktoren deutschbaltische Identitätsbildung im Zeitalter von Nationalismus und Krieg maßgeblich beeinflussten, also wie deutschbaltische Akteure ihre Identität konstruierten und diskutierten und welche Konsequenzen dies für ihre politischen Konzeptionen, ihre Ordnungs- und Zukunftsvisionen und für ihre Loyalität gegenüber den kriegführenden Mächten hatte. Anhand ausgewählter Einzelpersonen soll eine Analyse der Diskurse stattfinden, die in der deutschbaltischen Gesellschaft stattfanden, die sie prägten und beeinflussten. Zweck ist es, die in Literatur verbreitete These, wonach in den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs eine allgemeine Verlagerung der Loyalitäten der Deutschbalten vom russischen Zarenreich zum deutschen Kaiserreich stattgefunden habe, zu überprüfen und erstmals für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen differenziert zu beantworten.